Geschichte

Über den Umgang mit Geflüchteten wird in Deutschland seit Jahrzehnten trefflich gestritten. Bereits in den 80er Jahren hieß es „Das Boot ist voll“, der Ruf nach Abschottung wurde stetig lauter. Die Fremdenfeindlichkeit zeigte in den 90er Jahren ihr hässliches Gesicht, als in verschiedenen Orten unter johlendem Beifall „ganz normaler“ BürgerInnen Flüchtlingsunterkünfte brannten.

Mit der Zuwanderung von Menschen aus aller Herren Länder sehen sich die einen dem Untergang des Abendlandes in allernächster Zukunft ausgesetzt, andere hingegen werden sich ihrer Verantwortung für Ursachen der Fluchtbewegungen zunehmend bewusst. Wieder andere erinnern sich an die Werte ihrer christlichen Erziehung und reichen den Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, ihre Hand zum Willkommen.

Spätestens, als im Oktober 2013 mehr als 700 Menschen im Mittelmeer vor Lampedusa ertranken und die Bilder aufgereihter Särge und persönlicher Habseligkeiten Geschichten zu den bis dahin anonymen menschlichen Schicksalen erzählten, waren die Themen Flucht und Vertreibung aus der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr auszuklammern. Überall in Deutschland formierten sich zunehmend Gruppen, die sich die Unterstützung der Neuankömmlinge auf die Fahnen schrieben. Während sich die Politik noch in Grundsatzdebatten zum zukünftigen Prozedere in Sachen Migration verlor, entschlossen sich nach und nach hunderttausende BürgerInnen in Deutschland für das Naheliegende, nämlich die Ankommenden bei der Organisation ihres neuen Lebens zu unterstützen.

Auch in Aurich wuchs das Bedürfnis, statt dem Flüchtlingselend tatenlos zuzusehen, dort zu helfen, wo es möglich war. Im Februar 2014 schlossen sich etwa vierzig engagierte AuricherInnen zu einem losen Flüchtlingskreis zusammen. Sie nahmen sich ehrenamtlich einzelner Menschen, Familien oder Gruppen an, denen es am Nötigsten fehlte. Dabei arbeiteten sie eng mit Behörden, Kirchen, ÄrztInnen und Schulen zusammen und halfen den Neuankömmlingen, ihren Alltag in der neuen Heimat zu bewältigen.

Die Hilfsbereitschaft in der Auricher Bevölkerung war groß. Davon zeugen die vielen Spenden, von Kleidung und Haushaltsgegenständen über Spielzeug und Schulmaterial und Geld. Die Ehrenamtlichen richteten im ehemaligen Casino der Kaserne ein erstes Sammellager ein, in dem die Zugezogenen trotz kreativen Chaos‘ mit Grundlegendem versorgt werden konnten.

Mit der Öffnung der Grenze für die vielen Kriegsflüchtlinge aus Syrien im Spätsommer 2015 fanden zahlreiche Menschen auch ihren Weg nach Aurich. Noch waren die öffentlichen Strukturen auf die große Zahl Schutzsuchender nicht vorbereitet. Unterkünfte waren knapp, Sprachkurse nicht organisiert, Schulen auf die Integration nicht deutschsprechender und traumatisierter Kinder nicht eingerichtet.

Viele AuricherInnen wollten helfen und der Flüchtlingskreis erfuhr starken Zulauf, zeitweilig stieg die Zahl der Engagierten auf über 300. In den Versammlungen berichteten die Helfenden von ihren Begegnungen mit den NeubürgerInnen, deren Problemen und Schicksalen, teilten Freude und Leid der ungewohnten Arbeit mit Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft.

Nach und nach nahm die Arbeit der Ehrenamtlichen Struktur an. Anfang 2016 wurde der Verein Flüchtlingshilfe Aurich e.V. gegründet, ein Servicebüro mit festen Öffnungszeiten eingerichtet. Die Mitglieder des Vereins organisierten im Familienzentrum ein Begegnungscafé, in dem sich AuricherInnen und Neuangekommene regelmäßig trafen, um sich bei Gesellschaftsspielen und Musik näher kennenzulernen. In der Kreisvolkshochschule wurde eine Kleiderkammer aufgebaut, gemeinsam mit den Johannitern Ausflugsfahrten für Kinder angeboten. Auch weiterhin halfen die Ehrenamtlichen überall dort, wo Unterstützung gebraucht wurde.

Inzwischen sind die meisten Aufgaben der Flüchtlingshilfe behördlich organisiert, so dass sich mit derzeit sinkender Zahl Ankommender auch die Aufgaben des Vereins geändert haben. Aber auch die Beziehungen haben sich vom Verhältnis Helfende zu  Bedürftigen zu mitunter tiefen Freundschaften gewandelt. Seit Oktober 2019 arbeitete der Verein an einem neuen Konzept, nach dem Aspekte der Lebenshilfe in den Hintergrund treten. Der Großteil seiner Schützlinge lebt seit einigen Jahren in Aurich. Nun ist es an der Zeit, die vielfältigen Herausforderungen multikulturellen Lebens anzugehen und gemeinsam mit ihnen an der Gestaltung unseres gesellschaftlichen Miteinanders zu arbeiten.

geschrieben von Christiane Norda

Das schreibt die Presse zur Gründung